Aus dem Tschechischen übersetzt von Raija Hauck
ca. 300 Seiten, gebunden, Lesebändchen
EUR 21,00

Jede Familie schleppt eine Geschichte mit sich herum, und wenn es ans Erben geht, bricht häufig auf, was lange unter der Decke gehalten war. Auch die junge Sára wird durch den Tod der Mutter aus ihrem eingespielten, eintönigen Leben geholt. Und ihre Probleme werden immer drängender: Die alte Wochenendhütte der Familie, bislang sowohl Rettung als auch Schatten der Vergangenheit, verfällt zusehends. Ihr droht der Verlust der Invalidenrente, die Kneipe, in der sie die gesammelten Pilze verkauft, bekommt einen neuen Besitzer, und die Brüder, für die sie lange nicht existierte, geben einfach keine Ruhe mehr.

Jeden Morgen zieht Sára die alten Schuhe ihres Vaters an und geht auf die immer selbe, 25 km lange Pilztour. Ganz allmählich steigt sie in den Rückblenden immer tiefer in ihre Kindheit hinab. Und die Ich-Erzählerin muss die Vernachlässigung ihrer physischen und psychischen Bedürfnisse erst auf die Spitze treiben, bevor es eine Chance auf Heilung gibt.

Viktorie Hanišová bricht in klarer, in ihrer Sachlichkeit manchmal zynisch wirkender Sprache eine Lanze für die Kinder, die von ihren Eltern verraten und allein gelassen wurden, und en passant auch für die Außenseiter unter uns. Erzählerisch gekonnt führt sie durch ein schwieriges Thema, wobei Pilze und ihr weitreichendes unterirdisches Myzel den Erzählungsbogen zusammenhalten und ihm eine eigene Schönheit und Projektionsfläche für die Welt der Menschen verleihen.

Wenn Sie also beim Lesen nebenbei auch noch Lust auf Pilze oder einen Besuch des Böhmerwaldes in sich verspüren, tut das der Ernsthaftigkeit dieser traurigen Geschichte keinen Abbruch.

Viktorie Hanišová: Geboren 1980 in Prag, ist eine tschechische Linguistin, Übersetzerin und Schriftstellerin. Sie studierte Anglistik und Germanistik an der Karlsuniversität, arbeitete als Fremdsprachenlehrerin und übersetzt Belletristik und Populärwissenschaftliches aus dem Englischen und Deutschen. Ihr viel beachteter Debüt-Roman “Anežka” (2015) erschien 2019 im Klak-Verlag auch auf Deutsch, danach folgten die Romane “Die Pilzsammlerin” (2018) und “Die Rekonstruktion” (2019). Alle drei Romane widmen sich verschiedenen Seiten von Mutterschaft und problematischen Familienkonstellationen und verbinden sich dadurch zu einer freien Trilogie. Hanišová wagt sich mit leichter Hand an schwierige gesellschaftliche Themen. So bringt sie im Jahr 2020 den Erzählband “Langstrecke” heraus, in der jeder Text eine Konfrontation mit der Frage nach dem Sinn des Lebens ist. Ihr bislang letztes Buch “Beton und Erde” (2021) ist eine Sammlung von Gesprächen über den schonenden Umgang mit der Umwelt im urbanen Kontext. Viktorie Hanišová hat drei Kinder und lebt in Prag.

Raija Hauck: Geboren 1962, Slawistik-Studium in St. Petersburg und Brno. Promotion an der Universität Greifswald und dort bis 2019 Lektorin für Tschechisch und Russisch. Liebt das Saarland und lebt als freie Übersetzerin in Saarbrücken.