Eine Annäherung
62 Seiten, gebunden, Lesebändchen
EUR 14,95

Das Heilige ist der geläufigen Wahrnehmung der Menschen weitgehend entschwunden. Umso erstaunlicher, dass im Werk Peter Handkes das Heilige ein strukturbildendes Element darstellt. Es fügt sich organisch ein in das Schreibprogramm, mit dem der Autor schon früh dem herrschenden Zeitgeist absagt: „Ich erwarte von der Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder.“

Das Heilige gehört nicht zur Ordnung der Dinge, sondern zur Ordnung des Sehens. Es ist nicht interessant für das Wissen oder für die Ökonomie, sondern manifestiert sich, mit den Worten von Mircea Eliade, als „Realität, die von ganz anderer Art ist als die natürlichen Realitäten“. Handke will sie „umschreibend erzählen“ und in seinen Aufzeichnungen ihr Aufleuchten zur Sprache bringen. So erweisen sich seine Texte als eine Art Sehschule für das Heilige.

„Heilige Welt!“ Dieser Ausruf wird viele seiner Leser aufs erste überraschen. Er stammt aus den Tagebuch-Aufzeichnungen unter dem Titel Vor der Baumschattenwand nachts. Er wirkt wie das trotzige Beiseite-Schieben von Hindernissen, die die Sicht auf jene ganz andere, eben „heilige“ Welt verstellen. Liest man den zweigliedrigen Ausruf abgesetzt, und mit Betonung auf jedem Wort, wirkt er wie der doppelte Akkordschlag am Anfang von Beethovens Eroica. Wie dieser das Zeitkontinuum durchbricht und eine neue, jetzt musikalische Zeitstrecke eröffnet, so ist der Ausruf ein Signal, die Augen zu öffnen für eine andere Weltwahrnehmung, verschieden von der gängigen technisch-rationalen und vor allem ökonomischen.

Willibald Hopfgartner, Jahrgang 1946, ist Mitglied des Franziskanerordens und war 35 Jahre lang Lehrer für Deutsch und Philosophie am Gymnasium seines Ordens in Bozen. Veröffentlichungen zu Literatur bzw. Kunst und Theologie.