512 Seiten, gebunden, Fadenheftung, Prägedruck, bedruckter Vor- und Nachsatz
EUR 29,90 / sfr 36,00

Mit Beiträgen von:

Tugomir Alaupovic/ Ivo Andric/ Maja Andric/ Johann von Asbóth/ Osman Aziz/ Safvet beg Bašagic/ Stanislav Bašic/ Dubravko Brigic/ Georg Britting/ Prokopije Cokorilo/ Velibor Colic/ Branko Cucak/ Musa Cazim Catic/ Branko Copic/ Svetozar Corovic/ Aleš Debeljak/ Dragodlav Dedovic/ Mitija Divkovic/ Mak Dizdar/ Zija Dizdarevic/ Jovon Ducic/ Ferida Durakovic/ Todor Dutina/ Dario Dzamonja/ Murad Efendi/ Max Frisch/ Hazem Hajdarevic/ Peter Handke/ Aleksander Hemon/ Moriz Hoernes/ Hamza Humo/ Alija Isakovic/ Zeljko Ivankovic/ Therese von Jacob/ Miljenko Jergovic/ Borivoje Jevtic/ Borivoje Jevtic/ Ivan Franjo Jukic/ Dijan Kalac/ Dzevad Karahasan/ Alija Kebo/ Hasan Kikic/ Zilhad Kljucanin/ Petar Kocic/ Christine von Kohl/ Albert Köhler/ Ivan Kordic/ Veselko Koroman/ Hans Koschnick/ Erih Koš/Stevka Kozic-Preradovic/Silvije Strahimir Kranjcevic/Skender Kulenovic/ Benedikt Kuripešic/ Ilija Ladin/ Filip Laštric/ Nikola Lašvanin/ Alma Lazarevska/ Moritz Levy/ Wolfgang Libal/ Ivan Lovrenovic/ Vitomir Lukic/ Djuradj Ljubavic/ Grgo Martic/ Smezdin Mehmedinovic/ Robert Michel/ Czeslaw Milosz/ Heiner Müller/ Mladen Oljaca/ Wolf Oschlies/ Damir Ovcina/ Joanikije Pamucina/ Vladimir Pavlovic/ Rajko Petrov Nogo/ Milena Preindlsberger-Mrazovic/ Wolfgang Petritsch/ Nenad Radanovic/ Heinrich Renner/ Goran Samardžic/ Isak Samokovlija/ Izet Sarajlic/ Meša Selimovic/ Jens Schneider/ Dara Sekulic/ Abdulah Sidran/ Staka Skenderova/ Djordjo Sladoje/ Ranko Sladojevic/ Faiz Softic/ Mile Stojic/ Aleska Šantic/ Slavko Šantic/ Antun Branko Šimic/Nikola Šop/ Zvonimir Šubic/ Nenad Tanovic/ Stevan Tontic/ Duško Trivunovic/ Muhamed Hevai/ Damir Uzunovic/ Nenad Velicovic/ Marko Vešovic/ Andjelko Vuletic/ Hermann Wendel/ Bernhard Wieman/ Lojze Wieser/ Jasmila Zbanic/ Vule Zuric/
 

 

Rezensionen & Reaktionen

Pressestimmen

„Irgendwo gibt es ein Bosnien, verzeih mir / Ein Land kalt und karg Hungrig und nackt…” Mak Dizdar (1917-1971), einer der größten muslimischen und bosnischen Dichter des 20. Jahrhunderts, hat diese „Inschrift für ein Land” verfasst – Jahrzehnte, bevor von 1992 bis 1995 ein Bürger- und Religionskrieg zwischen Serben, Kroaten und Muslimen diese Region im Südosten Europas verheerte. Dizdars Elegie leitet den Band „Terra Bosna”, das neueste Werk in der Reihe „Europa erlesen” ein.
Islamische Spuren
Seit den Eroberungszügen des Osmanischen Reiches im 15. Jahrhundert war Bosnien von einer islamischen Mehrheit dominiert. Sie hinterließ ihre Spuren nicht nur mit Moscheen und Springbrunnen im Antlitz der Städte, sondern prägte sie auch nachhaltig in Sprache und Schrifttum ein. Daher finden sich in diesem Doppelband neben altserbischen Heldensagen orientalische Märchen; türkische und österreichische Reisebeschreibungen wechseln einander ab. Im Finale schließlich Kurzgeschichten postmodernen Zuschnitts, die in großformatiger Perspektive die Schrecken des Krieges schildern und mit krassem Realismus von den materiellen und mentalen Verwüstungen erzählen, die er hinterlassen hat.
Auch berühmte ausländische Autoren fehlen nicht. Max Frisch beobachtet in seinem „Brief aus Sarajevo” das Verhalten verhüllter Frauen. Heiner Müller formt die Absurdität des im Fernsehen übertragenen gegenseitigen Völkermords zu einem grotesken Gedicht:
„Auf dem Bildschirm ein Soldat aus England / Beim Leichenzählen in einem bosnischen Dorf / Er weint unter dem Blauhelm… ”
Friedliches Miteinander
Lange Zeit galt Bosnien als multikulturelles Idyll, in dem sich Orient und Okzident die Hände reichten. Drei Völker und vier Religionen lebten in friedlicher Nachbarschaft in
einem „orientalischen Österreich”,in dessen Dörfer an die Hügellandschaft Böhmens erinnerten, wenn man von der Tracht der Bauern absah. Doch war die „Terra Bosna” wirklich ein Ort der Versöhnung zwischen Abendland und Morgenland? Das Buch spiegelt in seiner Textauswahl diesen Wunsch nach kultureller Synthese und Harmonie und widerlegt ihn gleichzeitig. So schildert Ivo Andric in seiner Erzählung „Ein Brief aus Bosnien aus dem Jahr 1920″ seine Heimat als Land der Angst und des Hasses. Er sieht einen unbestimmten, eingeborenen Hass auf der Lauer liegen.
Nicht gesellschaftliche Entwicklungen und historische Prozesse haben ihn verursacht. Er wächst selbstständig, selbstgenügsam und naturhaft im Unterbewusstsein der Menschen und wartet auf seinen Ausbruch. Peter Handke schreibt diese Hass-Visionen des ehemaligen jugoslawischen Nationaldichters fort. In seinem Dramolett „Dann also der Krieg” entwirft er eine Todeslandschaft, in der sich vertraute Nachbarn im Rahmen eines vergnüglichen Gesellschaftsspiels gegenseitig abschlachten. Einen Kontrapunkt zu dieser in schöne Worte gefassten Killer-Orgie setzt Dzevad Karahasan, der muslimische Romancier und Theaterregisseur, der 1993 während der Beschießung der bosnischen Hauptstadt zu zwei Lesungen nach Nürnberg kam. Er malt seine Heimat Sarajevo als einen Ort der Harmonie und Toleranz aus, als urbanes Abbild einer kosmischen Ordnung.
Tatsächlich entwickelte sich in den multiethnisch und multireligiös geprägten Milieus der Stadt während der sechziger und siebziger Jahre die Ansätze zu einer friedlichen Alltagskultur. Bei Ivo Andric hingegen wird dieser Traum schon vom Ansatz hernegiert. Selbst die Kirchenglocken der Katholiken und Serbisch-Orthodoxen verkünden in Sarajevo zu verschiedenen Zeiten die Mitternacht; der Sahat-Turm der Beg-Moschee läutet wiederum nach einem anderen Stundenplan. Die Juden besitzen überhaupt keine Uhr. Von ihnen wurden 12 000 während des faschistischen Ustascha-Regimes in Sarajevo umgebracht oder deportiert
Beschwörung
Der Hass wurzelt in der historischen Erinnerung. Ivo Andric beschwört diese in seinem monumentalen Roman „Die Brücke über die Drina”. Terra Bosna 1516: Serbische Bauernsöhne werden von , türkischer Soldateska als „Blutzoll” geraubt, um im fernen Stambul zu Janitscharen erzogen zu werden. Klagend folgen die Mütter dem Zug und laufen blind vom Weinen in die Peitschenhiebe der Reiter hinein. Im heutigen, in zwei Staaten und drei Nationen geteilten Bosnien-Herzegowina schlummern Hass und Krieg, von UNO-Soldaten bewacht und eingehegt. Der Krisenherd schwelt weiter, auch wenn er zur Zeit von der Inszenierung des geplanten Irak-Krieges in den Schatten gestellt wird. 

Herbert Gebert, NZ