Gebunden, Fadenheftung, Prägedruck, bedruckter Vor- und Nachsatz, 268 Seiten
EUR 14,95 / sfr 21,00

mit Beiträgen von:
Sir Arthur Conan Doyle, William Shakespaere, Theodor Fontane, Reinhold Schneider, Friedrich Schiller, Virginia Woolf, Voltaire, Walther Skaupy, Jospeh Brodsky, John Donne, Joy Browning, Daniel Defoe, Anonym, William Blake, Steven Martin, Stefan Zweig, James Boswell, Bertold Brecht, Giacomo Casanova, Leopold Mozart, Joseph Haydn, Heinrich Eduard Jacob, William Wordsworth, Franz Grillparzer, John Keats, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Elias Canetti, Alexander Herzen, Francis Wheen, Joseph Conrad, Charles Dickens, Ossip Mandelstam, Karl Marx, Egon Erwin Kisch, H.C. Artmann, Claude Monet, Mahatma Ghandi, Italo Svevo, T.E. Hulme, Leo Slezak, Artur Rubinstein, Oscar Wilde, Richard Sennett, Ernst Stadler, Karel Capek, Italo Svevo, Ernst Krenek, Anton Kuh, Johann Skocek & Wolfgang Weisgram, Sigmund Freud, Erich Fried, Georg Eisler, Theodor Kramer, Lord George Weidenfeld, Susanne Bock, Berthold Viertel, Agnes Bernelle, Anna Achmatova, Friedrich Torberg, Sir Winston Churchill, Georg Tabori, Sir John Betjeman, Georges Mikes, George Orwell, Elisabeth Janstein, Danilo Kis, Doris Lessing, Gabriel Garcia Marquez, Elias Canetti, Linton Kwesi Johnson, Trevor Grundy, Hilde Spiel, Marianne Faithfull, Kathy Etchingham, Fred Vermorel, Steve Silver, Hanif Kureishi, Benjamin Zephaniah, Gerhart Polt, Gogala Vilijem, Monty Python, Ken Smith, bob Geldof, David Dabydeen, Sam Selvon, David Flusfeder, Reiner Luyken, Will Self

 

 

Rezensionen & Reaktionen

Pressestimmen

Ein grandioses Ungeheuer!

05.01.2002 | 00:00 |  Von Martin Peter (Die Presse)

“Ganz London ist ein goldener Baum”, so Theodor Fontane über die Themse-Stadt. Anderen wiederum war sie ein Monstrum. Eine Menge – freilich divergierende – Urteile hat Frederick Baker in seinem literarischen Reiseführer über London zusammengetragen.

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Schon die Begegnung mit Anton W. Freud, dem Enkel Sigmund Freuds, war es wert, nach Hampstead zu fahren. Der 87jährige Kinderanalytiker erzählte, daß der Großvater streng war, die Familie jedoch sehr geliebt habe. Dann las er in der Wohnung in den Nordlondoner Maresfield Gardens, wohin sein Großvater 1938 emigriert war, aus dessen Briefen an Tante Minna, seine Söhne und seine Freunde. “Wir sind zwischen Tür und Angel, wie jemand, der einen Raum verlassen möchte, aber seinen Rock eingeklemmt findet. (Tochter) Anna bemüht sich mit viel Geschick und Humor, uns loszumachen.”

Juni 1938: “Uns geht es hier (in einem reizenden Häuschen mit Garten, Rasenplatz, Blick in einen Park) gut, ich würde sagen sehr gut, wenn nicht die abscheulichen Nachrichten aus Wien und die unabweisbare Teilnahme am Schicksal so vieler anderer, denen es schlecht geht, einen tiefen Schatten auf unser Glück werfen würden.” Und im August: “Also 20 Maresfield Gardens als unsere hoffentlich letzte Adresse auf diesem Planeten. Ein eigenes Haus! Und viel zu schön für uns. Wir haben es ungleich besser als in der Berggasse und selbst in Grinzing”, obwohl bittere Kälte herrsche und die Mängel in der Bewältigung des Heizungsproblems ganz evident seien.

Als ich mich vor ein paar Wochen mit Sigmund Freuds Enkel und einigen Leidensgenossen des Großvaters am 20 Maresfield Gardens einfand, war das einstige Wohnhaus, in dem die Tochter Anna bis zuletzt lebte, gut geheizt. Es dient nun nicht bloß als Museum, wo Antikensammlungen, Papiere, Manuskripte aufbewahrt werden und wo ein Arbeitszimmer nach der Vorlage aus der Wiener Berggasse eingerichtet wurde, hier finden auch regelmäßig Ausstellungen und Seminare statt. Oder kulturelle Abendveranstaltungen.

“London als Stadt zu beschreiben ist eigentlich falsch. Sie ist ein Monstrum, eine Stadt der Macht, ein Ort der Brutalität und der Strebsamkeit, ein Kind von Julius Cäsar, eines der vielen römischen Kinder, die von William Shakespeare in so wunderbarer Weise zum Leben erweckt wurden.” So schreibt der Autor und “Zweiheimische” Frederick Baker im Nachwort zu seinem “London”-Band.

Der 36jährige Sohn eines britischen Vaters und einer österreichischen Mutter, der in London aufwuchs und vor zehn Jahren nach Salzburg zog und dort als Regisseur arbeitet, möchte in seiner Anthologie die Themsemetropole in bestem Licht präsentieren, aber auch ihre Schattenseiten nicht verschweigen. Dazu gehört die Internierung von Kriegsflüchtlingen, die weniger prominent waren als Sigmund Freud. Zu den Opfern gehörte etwa Elisabeth Janstein (1893 bis 1944). Sie flüchtete zunächst nach Paris, wo sie als Journalistin für die “Neue Freie Presse” tätig war, bevor sie nach London kam und dort inhaftiert wurde.

“Krieg, Bombardement, Gefängnis. Es ist, als ob das Schicksal eine Addition aller Schrecken für mich vorbereitet hätte und alle drei auf einmal vor mich hinstellt” – dieser Aufschrei in Jansteins Tagebuch, dem “Holloway Journal” (benannt nach der Londoner Haftanstalt, in der sie eingesperrt war), wurde erst kürzlich von Ursula Seeber in der Wiener Exil-Bibliothek gefunden. Die Veröffentlichung in Frederick Bakers “London” ist erstmalig, die Lesung im Freud-Museum war eine Premiere. Es fehlte ihr nicht an Dramatik.

Janstein schließt die Erinnerung an ihre Festnahme durch die englischen Behörden mit dem Seufzer “Mein Gott . . . mein Gott”, halberstickte Worte aus der Nachbarzelle. Doch Baker, der potentielle Besucher der Metropole auf eine literarische Reise durch London schickt, läßt hier auch die Sonne scheinen. “Der Himmel ist wolkenlos, ganz London ist ein goldner Baum”, jubelte Theodor Fontane Ende des 19. Jahrhunderts. Er erzählt vom blitzenden Basar, dem kribbelnden Seegewürm auf dem Fischmarkt “Billingsgate”. Virginia Woolf über die Westminster-Abtei: “Das Licht fällt auf die goldenen Adelskronen, Reste von Rot und Gelb leuchten aus den Wappenschildern, den Löwen und Einhörnern.”

James Boswell wieder wollte “mit Dirnen nichts zu tun haben, da mir meine Gesundheit sehr am Herzen liegt”, auch Bertolt Brecht hörte unter Londons Huren “ein Gelächter”. Felix Mendelssohn-Bartholdy fand London als “das grandioseste und komplizierteste Ungeheuer, das die Welt trägt”. Weniger überzeugt gab sich Mahatma Gandhi, denn “die ohne Würze zubereiteten Gemüse waren ungenießbar für mich”. Für Egon Erwin Kisch schlossen die Restaurants zu früh, “um halb ein Uhr nachts wird es fast leer in der bevölkertsten aller Städte”.

Nach George Orwell war der Engländer “der traditionellen Meinung nach phlegmatisch und phantasielos”, und Bob Geldof schließlich hatte bei der BBC 1987 Mühe, seine Weihnachtsplatte für die Kinder in Äthiopien anzubieten, “sie dachten, ich sei ein frömmlerischer, völlig überdrehter Arsch”.

Die Lektüre von Bakers Spaziergang entlang der Themse lohnt sich. “Die neuen Londoner machen die Stadt zu einem Kaleidoskop der Hautfarben und Töne.” Baker empfiehlt den Lesern seines “London Erlesen”, schon im Anflug in dem Buch zu stöbern und die erlesenen Szenen selbst zu erleben. [*]

Frederick Baker (Hrsg.)

London

Aus der Reihe “Europa Erlesen”, 268 S., geb., ? 12,94, S 178 (Wieser Verlag, Klagenfurt)