Meine Gedanken führen mich diese Tage die Jahre zurück und machen mich sentimental nachdenklich. Einer nach dem Anderen geht. Ernst Brauner (12.10.1928 – 8.6.2019) folgt seinem Freund Adam Zielinski (22.6.1929 – 26.6.2010) nach neuen Jahren. Sie hinterlassen uns ihre Werke und bleiben weiterhin „Unbekannte Größen“. Der Zeit voraus, neben dem prononcierten Literaturbetrieb, die Fragen, die sie stellen, unbeantwortet, meist.
Wer wird sie wann verstehen, wer wird ihnen jenen Platz zuweisen, den sie verdienen und wo führt sie ihre Reise hin?

Jedenfalls, sie sind unsichtbare Baumeister eines heranwachsenden Myszells des Geistes und somit immerwährender Hummus.

Lojze Wieser

 

Unser Wort ist eine Bewegung im Vakuum

Zum 90. Geburtstag von Adam Zielinski (22.6.1929 – 26.6.2010) von Uli Schmidt

Am 22. Juni 1929  wurde Adam Zielinski in Drohobycz in Ostgalizien geboren, also vor 90 Jahren. So steht es in seinem Ausweis, so kann man es auf seiner knauserig hergerichteten Wikipedia-Seite nachlesen. Freunde wissen mehr. Zwar stimmt der Geburtsort – Drohobycz – aber aufgewachsen ist er in Stryj, wo sein Vater als Rechtsanwalt lebte und arbeitete. Nach einer anderen Version ist Adam am 22. April 1929 geboren. So hat er es mir im Rahmen der Gespräche erzählt, die ich mit ihm geführt habe für seine Biographie. Und er hat dazu eine wunderbare Geschichte zum Besten gegeben: Zum einen war die Geburt in Drohobycz nötig, weil es in Stryj keine Gynäkologie gab. Zum andern aber – und da wird es wunderlich wie in vielen seiner Geschichten – hatte der Vater nach der Geburt seines ersten Kindes in Stryj und vor Gerichten so viel zu tun, dass er darüber seinen Sohn und die Mutter, also seine Frau, vergessen haben will. Und nachdem er dann eines Tages doch Mutter und Sohn nach Hause holte, war es mittlerweile Juni geworden. Weil es aber laut damals gültigem Standesamtsgesetz in Polen Vorschrift war, dass die Geburt eines Kindes innerhalb einer Woche angezeigt werden muss, kam es zu der verspäteten Anmeldung in Stryj. Als ich Adam dann einmal fragte, ob man denn diese Geschichte nicht gewissermaßen als Apercue zur Erinnerung an seinen Vater mit aufnehmen sollte in die Biographie, verweigerte er sich. Und kam mit Ausflüchten, die auch schon wieder eine Geschichte für sich sind. Erstens fand er, würde das dem Andenken seines Vaters einen Kratzer zufügen. Er hatte mir mehrfach auf meine Frage hin, wie er seinen Vater sehe, gesagt, er habe ihn zu einem loyalen Polen erziehen wollen. Und ein solches Verhalten sei ja nun nicht gerade loyal. Meinen Einwand, es könnte doch aber heute nachvollziehbar sein, dass jemand erst vor Freude und wegen viel Arbeit nicht ganz pünktlich zur Anmeldung der Geburt seines Kindes erschienen sei, ließ er nicht gelten. Außerdem – und da wird es ganz grotesk – habe er wenig Lust, auf seine alten Tage noch einmal den ganzen Behördenweg zur Erlangung neuer Papiere zu durchlaufen. Mein Einwand, dass er doch nun seit der Verleihung des Titels Kommerzialrat von der Stadt Wien und dem Staat Österreich Ehrentitel sonderzahl erhalten habe, dass ihn also diese Popularität immun mache würde gegenüber solch kleinliches Vorgehen, ließ er nicht gelten. Also kam diese Episode nicht ins Buch. Aber erinnern wollte ich doch daran.

Ich lernte Adam 2001 kennen, wie sich das für einen literaturinteressierten Journalisten gehört: Durch ein Buch. „Jan war Jossele“ war der Titel, es war Adams erster Titel im Wieser Verlag. Lojze Wieser kannte ich schon länger von den Buchmessen her, weil mich sein Programm begeisterte. Nach meinen Erfahrungen als Journalist und Kurzzeitexperte für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Albanien, Rumänien und Bulgarien war mein Interesse für die Literaturen des Balkans geweckt. Beim Wieser Verlag fand und findet sich reichlich Nahrung für dieses Interesse.

Aber Adam kam ja gar nicht vom Balkan, er kam aus einer ganz anderen Region, die ich zwar auch schon wahrgenommen hatte, aber nicht in der Intensität, die jetzt einsetzte. Während meines Studiums hatte ich mich schon mit Exilliteratur beschäftigt, hatte also eine ungefähre von dem Begriff Galizien, speziell Ostgalizien. Aber da ging es meistens um mittlerweile nicht mehr lebende Autorinnen und Autoren. Das war hier anders. Da schrieb ein Überlebender. Und er hatte keineswegs einen anklagenden Ton angeschlagen. Nein. Er beschönigte nichts, aber er streckte die Hand aus. Da fühlte ich mich angesprochen. Den Schriftsteller wollte, musste ich kennenlernen. Das ergab im Dezember 2004. Im Wiener Volkstheater wurde seine 10-bändige Kassette vorgestellt. Und ich bekam einen Interviewtermin bei ihm.

Wir hatten im Vorgespräch  unter anderem vereinbart, dass wir das Gespräch unter das Grillparzer-Zitat „von der Humanität über die Nationalität zur Brutalität“ stellen wollten. Es schien uns naheliegend angesichts seines Lebenslaufes. Und es erwies sich als ein guter Kompass. Dabei bleibt festzuhalten, dass wir leider mehr über den Aspekt der Brutalität als über den der Humanität sprachen. Denn Adam versuchte sich in diesem Gespräch wie auch in jedem anderen, das ich mit ihm führen durfte, darüber klar zu werden, wie er wurde, was er war. Mit dem Adornoschen Verdikt ‚Werde, was du bist‘ war ihm nicht beizukommen. Überlebender – das allein wurde und wird ihm auch nicht gerecht. In einem späteren Gespräch, in dem es wieder einmal um das Überleben ging, das ihm ja Qual und Triumph zugleich war, kamen wir auf den Triumph zu sprechen. Und ihm bedeutete seine Familie, seine Frau,  sein Sohn nicht nur der Beweis des Überlebens sondern auch der Sieg über Hitlers Vernichtungswillen. Ein Gedanke, den ich auch in Gesprächen mit anderen Überlebenden schon zu hören bekommen hatte. Als Nachgeborener und Flüchtlingskind kann man sich trotz aller Belesenheit mit diesem Aspekt nur theoretisch auseinandersetzen.

Am Ende dieses ersten Gespräches bat ich Adam, mir „Jan war Jossele“ zu signieren. Ich war ziemlich verblüfft als ich las, was er mir auf das Vorsatzblatt geschrieben hatte: „Ulrich Schmidt lebe hoch hoch hoch (!) weil er mir das Gefühl vermittelt, es gibt Menschen die Menschen sein wollen!“ Ich verließ Wien mit dem Gefühl, einen besonderen Menschen getroffen zu haben.

Während ich dann im Frühjahr 2005 das Interview publizistisch  auswertete und immer wieder in seine Bücher schaute, erwuchs in mir der Gedanke, seine Biographie schreiben zu wollen. Als ich deswegen bei ihm eines Tages anrief, stutzte er erst einmal bei der Frage. Dann kam die Gegenfrage: „Und was meinen Sie, wer wird ein solches Buch lesen?“ Meine ziemlich freche, spontane Antwort: „So Verrückte wie Sie und ich“ ließ ihn wieder zögern. Doch er sagte zu. Lojze fand die Idee auch gut. Er hatte schon einen Erscheinungstermin im Kopf. Und so hatte ich genügend Zeit, mich in das Abenteuer des biographischen Schreibens zu stürzen mit einem Menschen, der seinen Erinnerungen freien, manchmal allzu freien Lauf ließ. Es wurden gut zweieinhalb Jahre mit mal bewegenden, manchmal auch quälenden Erinnerungen. Aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass er mit den auch von mir gelegentlich  eingebrachten Bedenken gegen allzu forsch vorgetragene Fakten gut leben konnte. Natürlich hatten wir auch über die Aufgabe des Schriftstellers in einer immer komplexer werdenden Welt gesprochen, vom Sinn des Schriftstellerdasaeins. Und da wurde er allen Optimismus‘ zum Trotz sehr, sehr skeptisch. Und gelangte schließlich zu der deprimierenden (?) Erkenntnis: „Unser Wort ist eine Bewegung im Vakuum“. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie er sich zur gegenwärtigen Situation in Österreich äußern würde. Denn ein Blatt hatte er nie vor den Mundgenommen.

Kennen gelernt hatte ich einen wunderbaren Menschen – immer voller Geschichten, immer seinem Gegenüber zugewandt, neugierig auf die Welt um ihn herum und vor allem schon damals voller Sorge um Polen. Sein Tod ein Jahr nach Erscheinen der Biographie zum 80. Geburtstag beendete viel zu früh das Leben eines Überlebenden aus der Hölle des Holocaust.

Adam Zielinski im Wieser Verlag

Uli Schmidt zu Adam Zielinski