Werkausgabe Wilhelm Pevny Band 6

In einem Zimmer mit Blick auf einen Hafen am Meer sitzen bei Sonnenuntergang zwei Männer einander gegenüber. Der Gastgeber erzählt und spricht beinahe ununterbrochen, der Gast hört zu und erst allmählich wird erkennbar, dass es sich um einen hochrangigen Polizeibeamten handelt, der den Mann ihm gegenüber des dreifachen Mordes überführen will und zu diesem Zweck jedes Wort, jede Bewegung protokolliert. So viel der Gastgeber redet, so ausgiebig schweigt der Beamte, er nennt diese Methode „Listening“, mit der er bereits auf internationalen Kongressen für Furore gesorgt hat: den Verdächtigen reden lassen und ihn möglichst nie unterbrechen, denn irgendwann verrät sich jeder, der redet, von selbst.

Als er vor etlichen Jahren einige Episoden seines Lebens Revue passieren liess, habe sich ihm erstmals der Verdacht aufgedrängt, eigentlich meistens das Gegenteil des Gewünschten betrieben zu haben. Er sei letztlich über diese Verquertheit dermassen verzweifelt gewesen, dass er damals zum ersten Mal mit dem Gedanken gespielt habe, doch gleich das Unerwünschte anzustreben – also sich immer so zu entscheiden, wie er es am allerwenigsten wollte…

Wilhelm Pevny: Geboren 1944 in Wallersdorf (Niederbayern), 1946 Übersiedlung nach Wien – Studium der Theaterwissenschaft, 1967–69 Sprachlehrer in Paris. Theaterstücke u. a. am Akademietheater, Volkstheater Wien und La Mama, New York. Fürs Fernsehen schrieb er gemeinsam mit Peter Turrini die „Alpensaga“. In Mosambik drehte er 1985 den Film „Safari. Die Reise“. Lebt seit 1989 zurückgezogen in Wien und Retz, arbeitet an Langzeitprojekten. Im Wieser Verlag erschienen: Palmenland (2007), Luft (2009), Die Erschaffung der Gefühle (2013) und Im Kreis (2014). 2014 – Literaturpreis der Stadt Wien für sein Lebenswerk.