Zwischen Kosova und Brüssel. Kritische Skizzen

193 Seiten, gebunden, Vor- und Nachsatz,

Lesebändchen, Prägedruck

EUR 14,95 / sfr 21,00

Zum Buch:

Die im deutschen Sprachraum viel beachtete Journalistin Christine von Kohl schrieb ein sehr persönliches, ein aktuelles und tiefgründiges Buch über den Balkan. „Ich wusste nichts vom Balkan – bis ich dort ankam. Seit fast vierzig Jahren ist er ein Lebenselexier – und ich muss mich fragen: Warum?“, um dann festzustellen:

„Was ist der Balkan? Es geht vor allem um die Menschen. Wenn sie geprägt wären von Zufriedenheit, Sicherheit und Prespektiven, wären sie nicht so, wie sie sind. Nämlich Objekte von unaufhörlichen Schicksalsschlägen, von Bedrohungen, individuell und kollektiv, und ohne Aussicht auf eine planbare Zukunft. Verantwortlich dafür war eine Kette von Herrschenden, seien es durchziehende Völkerscharen, seien es staatlich organisierte Mächte, seien es Feudalherren oder kummunistische Diktatoren. Trotz großer Unterschiede in der Mentalität besteht doch eine gewisse grundsätzliche Gemeinsamkeit der Völker Südosteuropas in diesem Schicksal.“ Ihre kritischen Skizzen, wie sie ihre Notate nennt, hinterfragen und geben sich nicht zufrieden mit Berichten, zeigen auf und sind emotional berührt, sie sind subjektiv und schlagen aus – und doch sind sie getrgen von Liebe den Menschen gegenüber, wie sie sie in der Politik, der sich begegnet und die sie kommentierte, nicht angetroffen hat, und die anzutreffen bis heute eine Seltenheit ist.

Aus dem Buch:

Man findet in den Regionen Südosteuropas in Wirklichkeit eine natürliche Demokratie innerhalb der Gesellschaften – nicht im politischen, sondern im sozialen und psychologischen Sinn. Die hohen Herren, die Macht haben, werden vielleicht sogar respektiert, sind aber nicht angesehen. Natürlich hat die kommunistische Partei versucht, aus ihnen Vorbilder zu machen. Mir kommt aber vor, dass die entsprechende Propaganda in dieser Hinsicht nur sehr sporadisch in die Gemüter der Menschen eingedrungen ist. Das Konterfei der Diktatoren an der Spitze von Partei und Staat zierte zwar alle öffentlichen Räume, aber selten private Wohnungen. In Albanien sah ich satttdessen, absichtlich oder spontan, immer und überall in privaten Wohnungen, ob in Städten oder auf dem Land, Darstellungen von Skanderbeg, jenem Helden, der Albanien während der „Türkischen Herrschaft“ zu seiner ersten nationalen Identität führte.

Christiane von Kohl,

geboren 1923 als dänische Staatsbürgerin in Berlin, weilte in Kopenhagen, Frankfurt, Belgrad, um in Wien zu verweilen. Die Jahre von 1968 bis 1985 verbrachte sie gemeinsam mit ihrem Mann, dem Journalisten und Autor Wolfgang Libal, in Belgrad und schrieb für zahlreiche Medien, darunter für Die Presse, die Neue Züricher Zeitung, die Deutsche Welle, den Deutschlandfunk, den Hessischen Rundfunk und für skandinavische Medien. 1990 bis 1994 Beraterin der Helsinki Föderation für Menschenrechte für den Balkan, Gründerin des „Vereins der Freunde der Flüchtlinge und Vertriebenen aus Bosnien-Herzegowina in Österreich“ (Kulturni Centar). Übersetzung von Literatur und Hörspielen aus skandinavischen Sprachen. Zahlreiche Publikationen zum Thema Menschenrechte, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Albanien. 1999 bis 2006 Herausgeberin und Chefredakteurin der Zeitschrift BALKAN – Südosteuropäischer Dialoge.

Rezensionen & Reaktionen

Pressestimmen

 Das Besondere an Christina von Kohls Büchern war immer, dass sie die notorische Verachtung des Balkans, die in Europa zum Repertoire des politischen Diskurses gehört, nie mitgemacht hat. Man kann Völkern nur ein wenig assistieren. Voraussetzung seien Respekt vor ihrer Lebensweise, Kultur und Religion.

Rupert Neudeck, Süddeutsche Zeitung

Natürliche Demokratie fängt beim Nagellack an
Das jahrhundertealte Naheverhältnis Österreichs zu den Staaten am Balkan wird gern bemüht, wenn es darum geht, die österreichische Expertise über diese Länder zu begründen.
Christine von Kohl beweist mit ihrem Buch „Eine Dänin am Balkan“ das Gegenteil: Frau von Kohl muss nicht Jahrhunderte an Krieg und Frieden, an Unterwerfung und Zusammenarbeit heranziehen, um heute ein Urteil darüber zu fällen, was „Zwischen Kosova und Brüssel“ – so der Untertitel des Buches – alles falsch läuft.
Im Gegenteil, die historische Entfernung der Dänin zum Balkan tut ihrer Analyse sehr gut – sie bewahrt dadurch die Übersicht, bleibt beißend, fragend, anklagend, wo andere mit schnellen Urteilen aus der Historie zur Hand sind. Noch dazu, wo sich zur jahrhundertelangen historischen Entfernung der Dänin, die jahrzehntelange biographische Nähe der Journalistin von Kohl zum Balkan gesellt. Zur Übersicht kommt so das Aug’ in Aug’ mit den Menschen, das feine Gespür für ihre Lebensarten, die riesige Sympathie für ihr genau so Sein.
Erlebnisse mit ihrem charmanten Friseur in Belgrad, mit der Dame unter der Trockenhaube, die ihr den falschen Nagellack aus- und den richtigen einredet, nimmt von Kohl zum Anlass, ihr Verständnis von „natürlicher Demokratie“ darzulegen – vom kommunistischen Jugoslawien bis heute. Das Buch könnte auch den Titel tragen: „Eine Anwältin für den Balkan“. Christine von Kohl ist Partei. Und im Gegensatz zu den vielen, die aus „Europa“ den anklagenden Zeigefinger Richtung Balkan erheben, zeigt sie in Richtung Brüssel. Und warnt davor, die hehren Begriffe Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat als moderne Werkzeuge der EU-Kolonialisierung zu missbrauchen. Das zu erkennen und davor zu warnen – dazu braucht es unbedingt die Dänin am Balkan. (dk/wm)


„Die Furche“ Nr. 46/08 vom 14.11.2008 Seite: 5 Ressort: Thema der Woche