| LESEPROBE
Die Treppe
1.
Jetzt, da ich schreibe, prasselt strömender Regen gegen meine Fenster.
Ich friere, obwohl ich ein Dach überm Kopf habe, und sitze
zusammengekauert wie ein trauriger alter Affe hier in meiner Kammer vor
diesen Blättern. Vielleicht um die feuchte Träumerei zu verdrängen, die
mich umtreibt, rufe ich mir die Gestalt eines verkalkten Alten in
Erinnerung. Ich sprach vor einigen Tagen in einer Bibliothek mit ihm, als
ich eine Lesepause einlegte. Er arbeitet dort an einem Buch der großen
Schrecken, die das historische Gedächtnis gewöhnlich vergißt ... »Jede
Bibliothek ist wie ein Minenfeld«, sagte er, »denn sie birgt das gesamte
gesegnete und nichtswürdige Denken der Menschen. Und wenn ein Gedanke, der
in wer weiß was für einer von niemandem beachteten Broschüre vergraben
ist, seinen Sprengkopf in einer anderen ebensowenig beachteten Broschüre
fände, so könnte das eine Explosion geben, die das gesamte Universum
erschüttert ...« Er langweilte mich. Ich sah ihn zittern, auch schon
zwischen den Bücherregalen ... Dann nimmt mich der Nachhall einer
Spazierfahrt, die in einem meiner alten Texte vergraben ist, in Anspruch:
nachts in einem Bus durch die öden Straßen der Stadt. Der Fahrer war
eingeschlafen und fuhr mit geschlossenen Augen weiter. Im Bus befand sich
außer mir ein einziger Fahrgast, ein Albino mit einem Buch in der Hand,
ich spürte den Geruch des Buches und erriet so den Titel und den Namen
dessen, der es geschrieben hatte: Huysmans, der von mir zu jener Zeit arg
Unterschätzte ... Selbstverständlich strahlen die Blätter, auf die ich
schreibe, ob ich sie nun vernichte oder aufbewahre, wie die
Buch-Gegenstände und die Menschen jeweils eine ganz bestimmte Aura aus,
sie haben einen Dunstkreis, und das ist noch nicht alles. Ich entsinne
mich, diese Bemerkung unlängst in dem Buch über das Leben und die Lehre
des Großen Jetsun Milarepa wieder angetroffen zu haben, den ich leider so
lange ignoriert habe. Ich meine die Worte, die der junge Jetsun, noch ein
naiver Lehrling, obschon ein großer Zauberer, die Bücher aus seinem Bündel
als Opfergabe neben jene des Meisters legen wollte: »Schau daß du
rauskommst mit deinen alten Schwarten«, fuhr ihn da der Übersetzer an,
»sie könnten meine heiligen Reliquien und geweichten Bände anstecken und
ihnen eine Erklärung zufügen ...« |